Naturheilverfahren

Naturheilverfahren – was versteht man darunter

Es existiert leider keine einheitliche Definition für den Begriff „Naturheilkunde“.
Die Naturheilkunde umfasst ein breites Spektrum an Methoden und Verfahren, die die Selbstheilungskräfte unseres Körpers aktivieren sollen.
Die Bayerische Landesärztekammer verleiht die Zusatzbezeichnung „Facharzt für Naturheil-verfahren“ nach entsprechender Ausbildung und erfolgreicher Prüfung in den sogg. klassischen Naturheilverfahren.

Im Sinne von Pfarrer Sebastian Kneipp aus Bad Wörishofen (1821-1897) und dem Freiburger Arzt Prof. Alfred Karl Brauchle (1898-1964) gliedern sich die klassischen Naturheilverfahren in die fünf Säulen:

  • Phytotherapie
  • Ernährungstherapie
  • Hydrotherapie
  • Bewegungstherapie
  • Ordnungstherapie

Die Heilmittel stammen direkt aus der Natur, d.h., sie nutzen natürlich vorhandene Reize wie Heilpflanzen und Ernährung, Wasser und Licht, Wärme und Kälte, Bewegung und Ruhe, sowie positive Ordnungsimpulse, um Geist, Seele und Körper zu unterstützen. So werden die Selbstheilungs- und Ordnungskräfte unseres Organismus angeregt.

Die Pflanzenheilkunde (Phytotherapie von griechisch „phyton“ = Pflanze) als zentraler Bestandteil der Naturheilkunde spielt bei uns eine sehr wichtige Rolle. Sie ist die Lehre von der Verwendung von Heilpflanzen als Arzneimittel. Die Pflanzenheilkunde gehört zu den ältesten medizinischen Therapien und ist auf allen Kontinenten und in allen Kulturen beheimatet. Grundlage der Pflanzenheilkunde ist die Heilpflanzenkunde. Ziel der Phytotherapie ist es, Heilpflanzen und ihre Inhaltsstoffe hinsichtlich ihrer therapeutischen Wirkung zu erforschen. Aus den verschiedenen Pflanzenbestandteilen lassen sich beispielsweise Tinkturen, Salben, Pulver, Säfte, ätherische Öle und Tees gewinnen.

Die Ernährungsmedizin (Diätetik) beschäftigt sich fachübergreifend mit der Beratung von Patienten hinsichtlich Ernährung zur Prävention, Heilung und Therapie von Krankheiten. Sie nutzt hierfür aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über Physiologie und Pathophysiologie der menschlichen Ernährung. Im Gegensatz zur klassischen Ernährungswissenschaft zeichnet sich die Fachdisziplin Diätetik durch einen Anwendungsbezug aus. Diätetik könnte demnach als „angewandte Ernährungswissenschaft“ bezeichnet werden. Dabei wird Ernährung sowohl als Versorgung des Gesunden bzw. Patienten mit Makro- (Kohlenhydrate, Fette, Eiweiß) und Mikronährstoffen (Vitaminen und Spurenelementen, als auch als Ernährungsintervention, dem therapeutischen Eingriff, verstanden.

Die Hydro- und Balneotherapie umfasst die Wasseranwendungen. Die Hydrotherapie ist die methodische Anwendung von Wasser zur Behandlung akuter oder chronischer Beschwerden, Stabilisierung der Körperfunktionen, wie zum Beispiel zur Abhärtung, zur Vorbeugung, Rehabilitation und Regeneration von Immunschwäche. Hierzu wird das Wasser in allen drei Aggregatzuständen eingesetzt: Eis, kaltes und warmes Wasser sowie Dampf. Zu den Anwendungsformen zählen Waschungen, Güsse, Wickel, Auflagen und Kompressen, Packungen, Bäder mit und ohne Zusätze sowie Sauna und Dampfbäder.

Die Bewegungstherapie ist das Hauptaufgabengebiet der Physiotherapie. Das Motto lautet: „Was du für dich selbst nicht tust, kann weder Arzt noch Physiotherapeut für dich tun“. Sport und Bewegung – insbesondere Bewegung ohne Leistungsdruck und vor allem durch ein regelmäßiges sportliches Training – können die allgemeine Gesundheit unterstützen. Im Vordergrund der Bewegungstherapie steht die Prävention bzw. Wiedererlangung der körperlichen Fitness nach Krankheit oder Operation. Am Anfang des Behandlungsprozesses überwiegen passive Maßnahmen, bei denen der Therapeut die Bewegungen ausführt. Ist der Patient mit Fortschreiten des Heilungsprozesses weniger durch Schmerzen beeinträchtigt, treten die aktive Bewegungstherapie und das Belastungstraining in den Vordergrund. Krankengymnastik wird im Gegensatz zur Bewegungstherapie gegen akute Beschwerden an einzelnen Körperteilen, wie erkrankte Gelenke oder verspannte Muskeln, eingesetzt.

Ordnungstherapie meint im Sinne der klassischen Naturheilkunde eine ausgewogene Lebensführung mit regelmäßigem Rhythmus und im Einklang mit der Natur. Viele Krankheiten werden durch eine Art „Unordnung“ im eigenen Leben gefördert oder ausgelöst. Das Vermeiden von Risikofaktoren, Genussgiften und Reizüberflutung ist ebenso bedeutsam wie das Wiedererlangen des seelischen Gleichgewichtes. Der Arzt versucht durch Gespräche eine Umstellung der Lebensweise beim Patienten herbeizuführen. Gezielte verhaltenstherapeutische Maßnahmen sollen helfen, alte Gewohnheiten abzulegen. Ein wesentliches Element der Ordnungstherapie besteht darin, Ruhe und Entspannung in das Leben zurückzubringen. Dies bedeutet im ersten Schritt, sich „Zeit für sich selbst“ zu geben. Dazu eignen sich u.a. Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training, Atemtherapie, Meditation, Qi Gong oder Yoga aber auch Musik- und/oder Tanztherapie.

Neben der klassischen Naturheilkunde gibt es den Bereich der sogg. erweiterten Naturheilverfahren wie Homöopathie, Akupunktur/Elektroakupunktur, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Bachblütentherapie, Ayurvedische Medizin und vielen weiteren alternativen Behandlungs- und Hilfsdiagnosemethoden (s.a. Alternativmedizin).

Die Homöopathie, die größtenteils Mittel pflanzlichen Ursprungs verwendet, wird ausdrücklich nicht als Naturheilverfahren, sondern als ein eigenes, spezielles therapeutisches Prinzip betrachtet.

Der Begriff Alternativmedizin ist entstanden, weil man sich bei der Anwendung von (damals noch unkonventionellen) Heilweisen bewusst von der rein wissenschaftlich begründeten Medizin (“Schulmedizin”) abgrenzen und eine Alternative zur herrschenden akademischen Lehrmeinung anbieten wollte. Heute gehören einige Heilverfahren wie z.B. die Akupunktur streng genommen nicht mehr zur Alternativmedizin. Die gesetzlichen Krankenversicherungen erstatten die Akupunkturbehandlung zumindest noch bei den beiden Diagnosen chronische Schmerzen der Lendenwirbelsäule bzw. chronische Knieschmerzen durch Arthrose.